Der Umgang mit Perfektionismus als Musiker

"Ich bin eine Meisterin, die übt!"

Wer kennt das nicht: In vielen Situationen sind wir perfektionistisch veranlagt - sei es im Job, beim Outfit, den körperlichen Idealmaßen, sportlichen Höchstleistungen - oder aber dem Können als Musiker.

 

100 % ist meist nicht genug

 

Häufig ist alles nicht gut genug und man ist unzufrieden - denkt, man hätte nicht 100% gegeben oder war nicht fleißig genug. Selbstliebe und Achtsamkeit mit sich selbst ist da häufig fehl am Platz.
Stattdessen rückt die Kritik an der eigenen Person und den eigenen Fähigkeiten bzw. Fertigkeiten in den Vordergrund.

 

Ein kurzer Exkurs: Was bedeutet Perfektionismus eigentlich?


Der Duden definiert Perfektionismus als "übertriebenes Streben nach Perfektion".

Synonyme für Perfektion sind wiederum: Vollkommenheit oder Meisterschaft, was einen Zustand beschreibt, welcher sich nicht weiter verbessern lässt (Quelle Wikipedia): Musikalisch gesehen, könnte man auch den Begriff "Meisterhaftigkeit" verwenden.

 

Für "Perfektion" existiert keine einheitliche Definition, sodass Wissenschaftler und  Psychologen verschiedene Facetten in Ihren Modellen beleuchten: das Streben nach Perfektionismus ist entweder selbstauferlegt (z.B. persönliche Erwartungen durch hohe Standards), kann aber auch fremdorientiert (z.B. Erwartungen der Eltern) sein.

 

So ging und geht es mir auch heute noch häufig in der Musik. Schon seit ich denken kann, bin ich äußerst selbstkritisch und ehrgeizig. Grundsätzlichen keine schlechten Eigenschaften denke ich, sich selbst zu reflektieren und gewissenhaft zu arbeiten, um sich in dem, was man tut, zu verbessern. Dies hat mich immerhin erfolgreich durchs Studium gebracht und viele Stunden auf der Bühne verbringen lassen.

Doch was ist, wenn der Perfektionismus mich in der Interpretation der Musik hemmt?

 

Häufig war ich unzufrieden nach Konzerten...

Anstatt mit einem glücklichen und zufriedenen Lächeln im Gesicht die Bühne zu verlassen, schwang ein zweifelndes, leicht ungutes Gefühl nach dem Auftritt in mir mit. Gedanken wie "ich habe vorher nicht genug geübt" oder "ich habe einfach zu wenig Disziplin" waren das Ergebnis. So war ich gedanklich schon bei der nächsten Herausforderung - das nächste Konzert sollte besser werden.
 

Und dann sind da ja noch die vielen anderen Musiker...

Ich genieße die Musik und Konzerte davon anderen Künstlern sehr - ohne darüber nachzudenken, ob diese oder dieser eine perfekte Leistung abgeliefert hat. Konzertbesuche inspirieren mich und geben mir die Motivation, selbst noch besser zu werden. Doch auf der anderen Seite steht der Vergleich und ich sehe nur noch, wie perfekt die anderen doch sind. Gerade im Flamenco, wenn ich beispielsweise in der Pena de la Plateria in Granada saß und den Gitanos lauschte.

 

 "... oh man, sind die gut...so gut werde ich nie spielen ..."

Häufig plagt mich dann der Gedanke "warum soll ich Flamenco spielen, wenn es Andalusien tausende anderer Menschen gibt, die das viel besser können?" Es ist ihre Tradition, sie wachsen in ihren Familien mit dem Flamenco auf. Wieso sollte eine deutsche klassische Gitarristin Flamenco spielen?

 

Ein anderer Gedanke, der hinzu kommt, ist:  "Ich bin schon über dreißig, gehe schnurstracks auf die 40 zu - das lohnt doch alles nicht mehr. Bis ich genauso "perfekt" spielen kann bin ich 90!"

 

Diese Gefühle und Einstellung möchte ich nicht mehr mit mir rumschleppen, deshalb habe ich mir Gedanken gemacht, wie ich zurück zu einer positiven Einstellung finde und den Spieß umdrehen kann.

 "Ich bin ein Meister, der übt"
Dieses Zitat, einst von Leonardo Da Vinci und von Jwala Gamper in schönen Kalligrafien zitiert, gab mir meine wundervolle Kundalini Yoga Lehrerin Ela mit an die Hand als wir einmal über Perfektionismus und das Gefühl "es reicht nie" sprachen. Folgender Gedanke dazu hat mir sehr geholfen:

Aus welcher Sichtweise will ich die Dinge betrachten?

Als jemand, der übt, bis er irgendwann endlich ein Meister ist (bzw. dieses nie erreichen wird) - oder will ich mich lieber als jemanden sehen, der bereits ein Meister ist, der im Leben aber nie auslernt und stetig übt?

 

1. Ich frage mich "was ist schon da?"
Was ich damit meine ist, ich versuche raus aus dem Mangel und stattdessen rein in die Fülle zu gehen. Nicht so einfach, aber ich schaffe es mittlerweile, mich auch über kleine Fortschritte zu freuen. Vielleicht habe ich nach 2 Stunden des Übens nicht das ganze Stück gelernt, aber den ersten Teil oder die Strophe bzw. den Refrain. So richte ich meine Aufmerksamkeit auf das, was ich bereits kann und gelernt habe - und nicht auf das, was ich alles noch nicht kann und was noch fehlt.

 

2. Das Schöne ist die Entwicklung - wären wir perfekt, würden wir stagnieren.

Wir werden immer besser, in dem was wir tun - dadurch, dass wir es tun.

So geht mir beispielsweise immer das Herz auf, wenn meine Musikschüler glücklich aus einer Gitarrenstunde gehen. Schüler sind zurecht stolz darauf, einen neuen Akkordwechsel, Barrégriff oder Song gelernt zu haben. So sehen wir uns und unsere Schüler wachsen; sie haben etwas gelernt und zum ersten Mal "ge-griffen", was vor Wochen vielleicht undenkbar gewesen wäre. Dies ist der Moment eines perfekten Augenblicks....

 

3. Sei ganz im Augenblick
Nur wenn wir uns im hier und jetzt auf die Musik konzentrieren, können wir sie und den Moment genießen.

Und bedenke - in diesem Moment sind wir perfekt!

Denke nicht dran, was du alles noch nicht kannst oder was vielleicht nicht klappt. Wir können nur besser werden, wenn wir es tun. Auch wenn nicht alles klappt, die Finger nicht perfekt über das Griffbrett gleiten - für diesen Moment hast Du Dein Bestes gegeben und hast dazu gelernt, Erfahrungen gesammelt, wie es nächstes Mal vielleicht noch besser werden könnte. Das Schöne ist, niemand hat jemals fertig ausgelernt - weder der Gitarrenschüler - noch der Lehrer ;-)

 

4. Musik ist Selbstverwirklichung - ohne das Verfolgen von Zielen
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich mich durch Leistungsdruck und -erwartungen unfrei beim Musizieren fühle. Unfreiheit aufgrund von Angst vor Fehlern (und somit mich und/oder die Zuhörer zu enttäuschen) hemmt mich und ich bin nicht mehr bei mir und der Musik. Aber wäre ein fehlerloser Auftritt gleichzeitig perfekt?  
Nein. Ich selbst würde als Zuhörer einen Verspieler nicht schlimm finden, solange der Künstler mit dem Herzen dabei ist und seine Liebe zur Musik spürbar wird. Letztendlich geht es nicht um Fehlerlosigkeit, sondern um etwas ganz anders:  
Das Entfalten der eigenen Persönlichkeit in der Musik unter Einbindung der eigenen Fähigkeiten.

Und so wollen beide - Musiker und Zuhörer - doch das selbe: eine schöne Zeit verbringen und die Musik als Geschenk genießen.

 

5. Spiele für Dich

Mir ist es mittlerweile nicht mehr so wichtig, dass es da draußen in der Welt noch Millionen anderer Gitarristen gibt, die vielleicht technisch viel besser sind als ich. Bedenke, niemand spielt und interpretiert die Musik genauso wie ein anderer. Wichtig ist, dass es mir Freude macht, ich diese an mein Publikum weitergebe und ganz mit dem Herzen dabei bin.

Dann erreiche ich auch als "Meisterin, die noch übt" die Herzen meiner Zuhörer.  

 

PS: Wie präsent und doch versteckt das Thema "Perfektionismus" für mich ist, habe ich bei der Veröffentlichung dieses Blogposts bemerkt: Seit Tagen feile ich am Text, überlege, ob ich noch etwas verändern muss, und dass ich mein "Baby" so noch nicht raus in die Welt lassen kann - weil es vielleicht noch nicht perfekt ist ;-)
Aber nun springe ich ins Wasser, drücke auf die Taste "freischalten", und komme ins Handeln  - auch wenn sicherlich längst nicht alles perfekt ist.

 

Um mich verbessern zu können, freue ich mich über Euer Feedback in der Kommentarfunktion.

 



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Kommentare: 2
  • #1

    Birgit (Sonntag, 11 Juni 2017 12:27)

    Hallo Corinna,
    Danke für deinen block. Tolle Gedanken. Für mich perfekt.��

  • #2

    Sabine (Mittwoch, 14 Juni 2017 05:55)

    Danke für den Beitrag, er ermutigt mich und gibt mir Zuversicht.